UNTER WASSER SINGEN - Laudatio Rathausgalerie Grimma (25.05.2024)

Katharina Arlt | Kunsthistorikerin| 26. Juni 2019

“Unter Wasser singen” - das Motto der Schau - erweckt in uns die Vorstellung einer fast poetischen Paradoxie - denn wie wir wissen, sind unsere Lungen nicht für den Gesang unter Wasser geeignet und die Dichte des Wassers ist bekanntlich höher als die der Luft. Was käme anderes aus unseren Mündern als Luftblasen? Doch die Sehnsucht nach jenem scheinbar Unmöglichen, hielt eine dänische Sängerin nicht davon ab, zu beweisen, dass es dennoch möglich sei. Mithilfe größerer, in ihrem Mund gebildeter Luftblasen erzeugt sie für Minuten einen zwar gedämpften, doch hörbar sonoren Klang. Die Blase, die sich auch außerhalb ihrer Mundöffnung ausdehnt, dient der Sauerstoffversorgung und zeichnet sich für einen Moment wie eine gläserne Halbkugel unter Wasser ab. Es sind fragile und kostbar errungene Töne, immer wieder muss die Musikerin zum Luftschöpfen aus der Tiefe des Wassers emportauchen.

Auch Susanne Hampe wählt für ihre Arbeiten das sehnsuchtsvolle Bild der Vorstellung jenes subtil gedämpften und vagen Klanges, der sich letztlich gedanklich und visuell Bahn bricht. Die Gestalten des filigranen Kreises und der sphärischen Kugel durchziehen ihr gesamtes Formenrepertoire: Sie werden sichtbar als inversive Leerstellen in ihren Papercuts, in denen sie die Form des Kreises über einen freihändig zeichnerischen Schnittvorgang als fluide Vakanz freilegt. Jene negativen, kreisförmigen Aussparungen bilden in Ballung und Vereinzelung die unregelmäßigen Zellstrukturen ihrer Kompositionen. Die daraus hervorgehenden, papierenen Gitterbögen arrangiert die Künstlerin in mehreren Lagen neben- bzw. nacheinander in vertikaler Staffelung und vor farbigen Papieren. Auf diese Weise ergeben sich vielschichtige Dioramen, die gleich szenografischen Bühnenräumen Überlagerungen und Interferenzen im Auge der Betrachter hervorrufen.

Mitunter treibt Susanne Hampe die Dichte und Häufung ihrer Negativ-Strukturen so weit, dass nur noch schmale, papierene Umrissstege die leeren Kreisflächen wie ein filigranes Netz umspannen. Sie verzichtet auf den sonst üblichen rektangulären, geschlossenen Bildrand, die opake Binnenfläche und lässt die kreisrunden Formen auch in die äußeren Konturen ihrer Komposition diffundieren. Mittels einer finalen Wachsschicht gewinnen die auf diese Weise geschnittenen, farbigen Papiere eine fast metallene Anmutung. Am oberen Rand in kartonierten Kästen montiert, scheinen sie wie ein mehrlagiger asymmetrischer Vorhang regelrecht frei zu schweben.

In der Gattung des Künstlerbuchs füllen jene Netzkompositionen wie zarte papierene Lochstickereien den nun ambivalenten Bildraum zwischen beiden Buchdeckeln. In ihrer Papercut-Technik steigert Hampe ihre fast feinstofflich zu nennende Gewebestruktur bis zum äußersten Moment aus Materialität und Immaterialität. Hampes Werke ermöglichen uns ein Vergessenlassen der physischen Dimension und das Erleben des Immateriellen. Die einzelnen Buchseiten lassen sich in ihrer taktilen Sinnlichkeit, zerbrechlich und dennoch präsent, als wechselnde Durchblicke, visuelle Brüche und Fragmentierungen lesen. Sie füllen sich mit dem jeweiligen Umraum und Licht und Schatten werden so zu integrativen Werkstoffen und Akteuren im Werk der Künstlerin. Susanne Hampe schafft auf diese Weise einen strukturierten Rahmen durch den wir uns und unsere Umwelt wie durch einen Filter hindurch segmentieren und wahrnehmen können. Für ihr künstlerisches Schaffen bedeutet dies stets eine Verschiebung der Gewichtung von Materiellem und Immateriellem. Das Dazwischen und die Leere gewinnen dieselbe Relevanz wie das Geformte. Denkbar ist das Immaterielle nur ex negativo, ausgehend von dem, was es nicht ist, von seinem ergänzenden Gegenpart, dem Materiellen. Der Negativraum gewinnt also an Bedeutung, in jenen von Susanne Hampe gegliederten Zellwänden. Keine kreisrunde Aussparung gleicht der anderen, jede folgt der virtuosen, freihändigen, zeichnerischen Bewegung, die sie mit der Cutter- bzw. Skalpellklinge vollführt.

Fülle und Vielfalt bestimmen auch ihre kürzlich entstandenen Werkgruppen Floris und Nimia. Der lateinische Titel symbolisiert das Übermaß. Wie aus einem Füllhorn, aus dem sich eine Varianz an Gestalt und Farbnuancen ergießen, quellen weiße schmale und unterschiedlich lange Papier-Fähnchen aus einem mit roter Leinwand kaschiertem Karton hervor. An ihren jeweiligen uns entgegen sprießenden Enden hat die Künstlerin Papierscheiben als unrunde Kreise collagiert. Wie stilisierte Blüten an langstieligen Halmen oder Früchte an einem Zweig, wölben sie sich in den Betrachterraum. Graduelle chromatische Abstufungen der fuchsienrot getuschten blütenblattähnlichen Flächen erreicht Hampe über unterschiedliche Beimischungen von Wassermengen zur Tusche, so dass sich ein reiches Spektrum gesättigter und gering gesättigter Rottöne entwickelt. Jedes der vegetabil anmutenden Objekte scheint ein Eigenleben zu führen, äußere Bewegung und Luft, versetzen sie rasch in Vibration.

Auch in Hampes Zeichnungen wird das Kreiselement zum tragenden Motiv. Ob sich einzelne Strichsegmente zu gigantischen und ätherisch flirrenden Kreisflächen addieren, partiell überlagern und Schnittmengen bilden oder aber winzig kleine mit Faserstift gezeichnete Kreisringe als Ketten aneinander reihen und zu noch größeren ovalen Kreisscheiben anwachsen, stets entsteht eine Bewegung und ein offener und schwebender Bildraum, den die Künstlerin mit minimalen Mitteln zu erweitern versteht. So grundiert sie ihren kartonierten Malgrund mit matt-weißer Acrylfarbe und schneidet die zuvor auf einem leicht chamoisfarbenen Velin gezeichneten roten Kreisformationen entlang ihrer Konturen aus, um sie alsdann auf den grundierten Fond zu collagieren und die gesamte Komposition final mit gebleichtem Bienenwachs und Dammarharz zu überziehen. Auf diese Weise entstehen mehrere Raumdimensionen: einerseits nehmen wir die collagierten Partien sowohl chromatisch als auch räumlich in größerer Distanz zum Untergrund wahr und andererseits schafft die Wachsschicht einen milchigen, teils visuell opaken Durchblick zur darunterliegenden Darstellung. Der Wechsel von Distanz und Nähe zum Bild wird in ihren übereinander gelagerten, gleichfalls seriell gewachsenen Strukturen aus kräftigen Linienchiffren sichtbar. Hierbei verbindet Susanne Hampe zwei gewachste Papiere miteinander. Die mit Tusche und Rohrfeder oder Farbstift darauf aufgebrachten Linienbahnen der beiden verschränkten Bildebenen gewinnen durch das mit Stearinwachs vollgesaugte und nunmehr semitransparent gewordene Papier eine räumliche Komponente. Abweichungen der jeweiligen Komposition lassen den Bildvorder- und Hintergrund permanent changieren. Automatisch erzeugt unser Auge einen mehrdimensionalen Tiefenraum.

In der höheren Geometrie wird der Punkt als spezieller Kreis gewertet. Als dreidimensionale Öffnung gewinnt er in Susanne Hampes seriell reduzierter Bildsprache über die Perforationstechnik des Prickens an Bedeutung. Gemäß der im 19. Jahrhundert durch den Pädagogen Friedrich Fröbel entwickelten Technik, wird mittels einer Nadel ein fester Papiergrund durchstochen und eröffnet über seine sich daraus ergebende Lochstruktur Raum für lineare grafische Gestaltung. Je nach Dichte der gestochenen Einheiten, aber auch je nach Einstichwinkel entstehen variierende Perforationsmuster. Zudem weichen Art und Weise der Perforierung auf Vorder- und Rückseite des Papiers stark voneinander ab. Denn das von der Vorderseite durchstochene Papier staut sich auf der Rückseite der Durchstichfläche. Hampe spielt mit dieser optischen Varianz und minimaler Reliefierung, um ihre strengen stereometrischen Kompositionen mittels eines Einstichwechsels von Recto zu Verso in eine subtile haptische Rhythmik zu versetzen. Stets herrscht in ihren Arbeiten eine diffizil austarierte Alternierung zwischen gestalteten und reizfreien, leeren Partien, die sie den pointiert gesetzten Bildzeichen entgegenstellt.

Eine besondere Sensibilität für den Ausdruckswert unterschiedlicher Materialitäten beweist Susanne Hampe auch in ihren textilen Arbeiten. So zum Beispiel in ihrem Taschentuch-Buch von 2018. Hierfür rekurriert sie auf die genuine trauerverarbeitende Funktion des Textils und zugleich auf christlichen Bildpraktiken im Rahmen des Vera Ikon Topos. Zudem fußen ihre Stickereien auch vage auf der Tradition gestickter Trauerbilder des 18. Jahrhunderts. Natürlich findet die Künstlerin eine ganz eigene Bild-Text-Formel, die sie den Eigenheiten der ererbten Taschentücher eines verstorbenen Familienmitglieds regelrecht anverwandelt. Flankiert von den Zeilen der Trauerlyrik des ungarischen Dichters Sandor Petöfi kreiert Hampe im Sinne des privaten Memorialobjekts eine originäre abstrakt-figurative Bildwelt, die sie via Stickerei auf den textilen Buchseiten fixiert, als sei ihre Kunst immer schon Teil der Geschichte der Textilien.

"In allen Kulturen der Welt sind Textilien ein entscheidender und wesentlicher Bestandteil.... Es gibt ein Maß an Vertrautheit, das sofort alle Vorurteile abbaut […]", so die US-amerikanische Künstlerin Sheila Hicks. Die einstige Schülerin von Josef Albers arbeitet seit den 1950er Jahren mit Fasern oder "geschmeidigen Materialien", wie sie sie nennt, und formt sie zu kleinen Webarbeiten bis hin zu monumentalen Installationen.

Auch im Oeuvre der Künstlerin Susanne Hampe nimmt die Faserkunst/fibre art einen nicht unerheblichen Raum ein. Farbe, Form und Textur sind auch hier untrennbar miteinander verbunden. Zudem dominieren im textilen Oeuvre der Dresdnerin gewissermaßen als Pendant zu Kreis und Linie (in den Papierarbeiten) - Kugel und röhrenförmige Schnüre im dreidimensionalen Werk. Ihre taktilen Installationen in Form von raumgreifenden Mobilé-Arrangements und Vitrinenobjekten sind als plastische Bilder lesbar und zugleich begreifbar als die logische Konsequenz ihrer Arbeiten in den Genres Malerei, Zeichnung und Papierschnitt. Die Basis ihrer Objekte findet Susanne Hampe in ihrer unmittelbaren Umgebung, seien es Äste und Zweige oder Fundstücke wie Schnürsenkel, Stricke oder Seile. Hernach wählt die Künstlerin aus ihrer Sammlung von Garnen entsprechende Fasern und Farbkombinationen, auch hier dominieren Variationen aus Rottönen - Gelb, Beige, Ocker und Braun treten hinzu. Über lange Zeiträume umwickelt die Künstlerin die von ihr selektierten Basisformen. Garne schlingt sie in dichten Lagen in perpetuierenden Vorgängen wieder und wieder um die festen, rauen Achsen eines Astes oder die weichen Rundungen eines textilen Trägers. Durch die Garn-Schichtungen verändert sich die Grundform allmählich, während der Überformung der Künstlerin vollzieht sich eine subtile Verwandlung. Mitunter entwickelt sie, dem Prinzip des Verhüllens folgend, neue, eigene Formvarianten und schafft Assemblagen aus textilen und nichttextilen Materialien. Hierbei entstehen kugelförmige Verdickungen und Ellipsoide, die die Susanne Hampe aus miteinander vernähten, garnüberformten Schnüren bildet. Die textilen Gebilde werden bisweilen zu scheinbar chaotischen und schier undurchdringlichen Knäueln verwoben oder verschlungen. Aus Chromatik, Modulation und Textur ihrer Arbeiten lassen sich Assoziationen zu anthropomorphen organischen Geweben, Blutbahnen oder vegetabilen Kreisläufen entwickeln. Auch die von der Künstlerin eigens gegossenen Vitrinensockel in elegant abgeformtem Betonguss werden in Verbindung mit ihrer Haube zum gläsernen Gehäuse jener wie Lebewesen konservierten Artefakte. Sie fördern die Auratisierung, der in ihnen bewahrten Objekte. Zugleich wecken die von Hampe geschaffenen Vitrinen und ihr darin befindliches Werk Reminiszenzen an die Ordnungskriterien und Zeigemöbel frühneuzeitlicher Kunst- und Wunderkammern. Doch vor allem sind sie aus Sicht der Rezipient*innen ein Symbol der Wertschätzung und Bewahrung, für die in allen Werken Susanne Hampes inhärente Lebenszeit, die sich über ihren künstlerischen Schaffensprozess als für uns sichtbare Spur einschreibt.

Denn bei aller künstlerischen Praxis ist stets der Körper der Kunstschaffenden, die Bedingung der Möglichkeit, sie bringt ihn unweigerlich in ihr entstehendes Werk ein. Um jene Verwandlung zu verstehen, muss man den wirkenden und gegenwärtigen Körper wiederentdecken und in den Fokus rücken, ihn, der eben nicht ein Stück Raum, ein Bündel von Funktionen ist, sondern eine Wahrnehmung und eine Bewegung Verbindendes - den Vorgang der Wahrnehmung und das sich Einschreiben der eigenen körperlichen und geistigen Tätigkeit in das Werk.