RESONO II - Was wird man später sein können? -Einführung zur Ausstellung

Claudia Reichardt (Wanda)
Kunstvermittlerin in Dresden


Sehr geehrter Herr Dr. Grünberg, sehr geehrte Anwesende, liebe Kunstfreunde, liebe Susanne Hampe!

Im Oberverwaltungsgericht steht am heutigen Spätnachmittag Kunst im Mittelpunkt, nun schon seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit. Mir als Kunstvermittlerin stellt sich – wie möglicherweise auch Ihnen – die Frage, worin sich Kunst und Verwaltung – oder anders formuliert – Gerichtswesen und Kunst unterscheiden? In fast allem, ist man geneigt zu antworten. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Feldern in der vielschichtigen modernen Gesellschaft erscheint gewaltig. Muss die Verwaltungsjustiz exakten Vorgaben folgen, was nur auf einer detailgetreuen Kenntnis der entsprechenden Grundlagen beruhen kann, wird vom künstlerischen Schaffen genau das Gegenteil erwartet: unkonventionell den Strich gegen den allzu eingeschliffenen Gedankengang bürsten, neue formale Lösungen für gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen anbieten, die eigene Befindlichkeit nach außen hin formulieren und dabei die Balance zwischen Subjektivität und Objektivierung nicht verlieren. Ich wage zu sagen: Juristen und Juristinnen und Künstler und Künstlerinnen sind sich per se fremd. Nun sollte man jedoch bei dieser Fremdheit nicht stehenbleiben. Weshalb auch Ausstellungen im Oberverwaltungsgericht stattfinden, und weshalb es die Künstlerin auch in ehrenamtlicher Arbeit auf sich genommen hat, hier auf der Ortenburg eine Ausstellung einzurichten, was keine Selbstverständlichkeit werden sollte. Was ich damit meine? Kunst hier im Haus zu haben ist sicherlich nach vielen Jahren, in denen Ausstellungen stattfinden, selbstverständlich geworden. Dass die Künstler und Künstlerinnen die dabei entstehenden Kosten wie zum Beispiel Transporte und Herstellung der Einladungskarte selbst finanzieren, wird hoffentlich nicht zur Selbstverständlichkeit, zumal nicht in Räumlichkeiten der öffentlichen Hand.

Susanne Hampe möchte und wünscht sich, dass ihre Werke gesehen werden und vor allem, dass sich ein stiller, privater Dialog entspinnt zwischen einzelnen Bildern und den Betrachtern und Betrachterinnen. Ihr Schaffen umfasst viele Techniken, von denen in dieser Ausstellung ein Ausschnitt gezeigt wird. Die Auswahl besorgte die 1967 in Dresden und heute auch da ansässige Künstlerin selbst, ebenso wie die Hängung. Auf ihrer Website ist ein Querschnitt der 25 Jahre künstlerischen Arbeitens auf freischaffender Basis zu sehen, dort können Sie auch über das breite Spektrum an Materialien informieren, auf das die Künstlerin zurückgreift, um ihre Ideen und Vorstellungen umzusetzen. Neben klassischen Materialien wie Papier, Karton und Farbstift gehören Wachs, Resin, Wolle, Strick und viele weitere interessante und zum Teil wenig bekannte Werkstoffe zur Ausstattung ihres Ateliers in Dresden - Striesen.

Neben den Materialien spielt die Linie in ihrem Werk eine hervorgehobene Rolle, sei es in Streifenform wie auf der Einladungskarte oder als Negativform wie bei den Papierschnitten zu sehen, die in ihrer Wirkung zunächst verblüffen und dann schnell eine Faszination entwickeln, der man sich kaum entziehen kann.

Doch noch einmal zurück zur Linie. Als bildnerisches Gestaltungsmittel wird sie seit den Anfängen der Kunst vor ca. 40.000 Jahren genutzt, zum Beispiel für die bekannten Höhlenmalereien in der Grotte von Chauvet/Frankreich.
In der Natur kommen Linien de facto nicht vor, sie sind eine Konstruktion des menschlichen Denkens und dienen als Hilfs- und Ordnungsmittel, meist in Form von geraden Linien.

Der Schweizer Künstler Paul Klee schrieb dazu in den 1920er Jahren:
„Die Linie ist Gedanke, und der Gedanke ist Medium zwischen Erde und Kosmos. Die Linie, die sichtbar macht, ist Mittler zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Die Linie ist aber auch eine schöpferische Tat, sie gestaltet. Folglich ist Kunst ein Schöpfungsgleichnis“, so Paul Klee. In der Kunst ist die Linie ein unverzichtbares gestalterisches Element mit oftmals zentraler Bedeutung.
Stellen Sie sich vor, Sie erhalten die Aufgabe, Linien zu Papier zu bringen, und werden somit selbst zum Schöpfer, was ja nicht selten auch während zu langer Vorträge oder nahender Unaufmerksamkeit im Selbstlauf passiert. Was würde entstehen, wenn Sie allein Ihren persönlichen Ideen folgten? Kringel, gekreuzte Linien, Rechtecke, Schnörkel, Kleckse, Punkte als Ausgangspunkt der Linie, bei welcher Größe würden Ihre Linien enden? Künstler und Künstlerinnen sind permanent mit dieser Frage konfrontiert, und sie finden über viele Zwischenschritte, Gedanken- und Materialexperimente neue und überraschende Lösungen. Zu welchen Stiften würden Sie greifen, welches Material aus einer überbordenden Fülle von Möglichkeiten bevorzugen und warum? Wieviel Geschmeidigkeit und Flexibilität im Denken trauen Sie sich zu? .

In der künstlerischen Arbeit von Susanne Hampe dreht sich viel um die Frage, welche Lineatur in dieser oder jener Arbeit angelegt und dann anschließend als Motiv durchgespielt wird. Dabei scheut sie keineswegs handwerklichen Aufwand, das Gegenteil ist der Fall. Die zeitaufwändige und scheinbar zeitverschwenderische Arbeit – die meist in ihrem Atelier in Dresden-Striesen stattfindet - eröffnet neue persönliche Denkräume und neue künstlerische Formfindungen gleichermaßen. Die Arbeit an den großen Papierschnitten, von denen wir in der Ausstellung einige sehen können, erfordert konzentrierte Planung und entspannte Ausführung in Ausgewogenheit, um zu gelingen. Es stellt sich die Frage, ob die Zeitmenge, die zur Herstellung dieser Kunstwerke aufgewendet wird, eher als Lebens- oder doch mehr als Arbeitszeit betrachtet werden kann oder soll? Allein diese Fragestellung zeigt auf, dass wir mit dieser Einteilung der Zeit in bestimmte Segmente gelernt haben zu leben. Schlüssige Antworten sind auf derlei Thematiken nicht zu erwarten. Die kontemplative Versenkung in einen handarbeitlichen Vorgang, wie es sie früher aufgrund der Herstellungstechniken wie etwa das Nähen oder Stricken der Bekleidung oder die Aussaat auf den Äckern gab, ist mit der Industrialisierung zurückgedrängt worden und heute fast gänzlich verschwunden.

In einen der Papierschnitte ist der Fragesatz „Wann wurde man nicht, was man hätte sein können?“ quasi eingewoben. Man wird ihn mehrfach lesen, wenn man vor dem Blatt steht. Die Fragestellung ist ungewöhnlich formuliert, dennoch für jeden verständlich. Es geht nicht um die Antwort in diesem Kunstwerk, es geht um die Dimension, die dieser Gedanke in uns erreichen kann, wenn wir uns die Zeit nehmen, ihn zuzulassen. Die Künstlerin verknüpft hier Material, Gedanken und Zeit auf gleichberechtigter Basis miteinander und vollzieht einen schöpferischen Akt, an dem sie uns ganz am Ende des Prozesses teilhaben lässt. Während der Herstellung ist sie ganz auf sich allein zurückgeworfen, das ist das Glück oder der Fluch künstlerischer Arbeit. Den Satz entnahm die Künstlerin übrigens dem Buch „Der Knacks“ von Roger Willemsen.

Wenn wir uns die drei Arbeiten aus der Serie „Resono“ anschauen, von denen eine auch für die Einladungskarte ausgewählt wurde, begegnet uns eine zweite Besonderheit in ihrer Arbeitsweise. Der Titel „Resono“, der auf das lateinische Wort „resonare“ zurückgeht,  was soviel wie Widerhall bedeutet und sich nahe am allseits bekannten Wort Resonanz befindet, beschreibt kongenial die Entstehung dieser Blätter und gibt den Werken gleichzeitig einen Wunsch mit auf den Weg in die Öffentlichkeit, nämlich gespiegelt zu werden. Und zwar vom Betrachter, womit das Wort Resonanz auch eine soziologische Dimension entfaltet.

Bei der Herstellung der Blätter setzt die Künstlerin die dichten horizontalen Linien bzw. Strichen auf mehrere, am Boden liegenden Papierbögen, wachst anschließend die Papiere und verklebt dann mehrere Schichten davon. Nun überlagern sich in unserer Optik Streifen, die sich vorher gegenüberlagen, und zwar in einer Melange aus Absicht und Zufall. Der Zufall ist bei Susanne Hampe scheinbar immer willkommen, zumindest in der Kunst. Jedoch nicht als Auslöser ihrer Arbeit, sondern als etwas, das unserem Leben und Tun eingeschrieben ist. Auch in den beiden Objektkästen mit den Titeln „Gebet I und Gebet II“ ist dieses Arbeitsprinzip zu finden: In der akkuraten Anordnung von roten Fäden, die scheinbar auf ein konstruktives Kunstwerk hinweist, finden sich bei näherem Hinsehen optische Störstellen. Was geschah oder geschieht an diesen Stellen? Antworten darauf finden Sie, wenn Sie sich die Zeit nehmen, die ausgestellten Werke sehr sorgsam anzuschauen. Ihre Assoziationen werden Teil der Kunstwerke in Form von Resonanz, die sich allerdings nicht materialisiert, sondern ganz still in Ihnen selbst weiterlebt, heute Abend zuerst, vielleicht auch länger, wer weiß das schon im Voraus? Ich danke Susanne Hampe für beglückende Kunstwerke, in denen sie bereitwillig ihre privaten Gedankengänge in einen Transformationsprozess namens Kunst einspeist und somit Anstöße bietet für eigene Aktivitäten.

Viel Freude beim Erkunden der Kunstwerke und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Claudia Reichardt