"Balance im Leben finden"

Karin Weber. Dresdner Neueste Nachrichten. 14.6.2000

Susanne Hampe zeigt in der Galerie Sillack Arbeiten auf Papier und Leinwand.
In der Malerei und mit ihr manifestiert sich, für jedermann sichtbar, Zentimeter für Zentimeter das Selbstverständnis der Künstlerin Susanne Hampe. Und so erlebt der aufmerksame Betrachter ihrer Arbeiten ein ausgewogenes Zusammenspiel von Fläche, Linie, Form und Farbe auf Leinwandarbeiten und Papieren.


Man sieht sich genussvoll in den Bildraum hinein, der Schicht um Schicht entstanden ist. Das Auge ertastet rätselhafte Kürzel, figürliche Fragmente, abstrakte Linienspuren und glaubt Seelenlandschaften zu entdecken - nicht etwa spektakuläre, keine flüchtigen, sondern ehrliche, als Widerspiegelung innerer Emotionsfähigkeit, mal grau und mal leuchtend, so wie das Leben selbst ist.


Die Entscheidung vor der leeren Leinwand, dem Blatt Papier, der erste Pinselschlag ist schwer und fällt zumeist aus der Stimmung der inneren Befindlichkeit heraus. Aber den Malprozess treiben nicht nur psychische Konstellationen sondern auch Erfahrung im Umgang mit den Malmitten, Auge und Gefühl für Massen voran.


Susanne Hampe malt, weil sie malen muss ...
Sie plündert dabei nicht die Kunstgeschichte und kokettiert auch nicht gefallssüchtig mit pseudomodernistischen Beliebigkeiten. Der scheinbar selbstvergessenen Bewegung der Hand und des Pinsels vertraut sie ihre lebendigen Innenbilder an: malerisch expressive Ausbrüche, stille sehnsuchtsvolle Phantasien eines harmoni-sierenden Ordnungsgefüges, Parodien auf banale Alltäglichkeiten terrestrische Abstraktionen und körperhafte Metamorphosen.
Schmerz, Freude Trauer, Hoffnung, Begehren, Lachen verwandeln sich zu bewegenden Notationen eine ehrlich betroffenen Zeitgenossin, deren Mitteilungsdrang sich mit der Malerei entlädt.


Es ist schon eine Weile her, da las ich Zeilen eines freien Gedichtes, die mir angesichts der Arbeiten von Susanne Hampe wieder ins Gedächtnis fielen:
"Auf den täglichen dingen, tausendfach auf den podesten unzähliger produkte, auf den bergen ausgeschütteter zahlen sitzen kleine engel mit einem kehrwieder-lied auf den papiernen lippen mit ihren kleinen spiegeln in die sie schauen während sie singen und es vermag sie nichts zu stören..."
Susanne Hampe ist intuitiv auf der Suche nach der verborgenen inneren Wahrheit von Dingen und Prozessen, die hinter dem trügerischen Schein begehrlicher Äußerlich-keiten liegt. So befragt sie mit kritischem Geist Lebenssituationen, sieht in den Spiegel wie die Engel und lauscht dem inneren Gesang ihrer Seele. Dabei tritt das Abbildhafte zurück und erfährt eine Reduktion zugunsten äußerst sensibel gesetzter Zeichen, die das Gestaltlose gestalten, das Namenlose zu benennen trachten: ein Gefühl, eine Ahnung.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Motiv der Waage immer wieder in Variationen auftritt. Gleichbedeutend mit dem Ziel, die Balance im Leben zu finden, wobei angedeutete Gefäßformen sowohl bewahren als auch Ballast ausgießen. Andere Chiffren verdeutlichen Landschaften, Räume, Körper, die Begegnungen einander widerstreitender Kräfte.
Auf den Papierarbeiten bevorzugt die Künstlerin gedämpfte Farben, erdige Ocker- und Grüntöne und ein wunderbares Blau. Die Leinwandarbeiten sind farblodernder. Sie liebt monochromatische Farbübergänge.


Mitunter tragen Farben Kämpfe miteinander aus, Schicht um Schicht, bis sie sich durchdringen, durchlichtet aufreißen und gar verschweben. Pinselspuren, Auswischungen, Rinnsale sind sichtbar und offenbaren ein zähes Ringen um eine formale Entsprechung von Vorstellungen.


Assoziative Titel wie "Grauer Nachmittag", "Auferstehung". "Herzfänger", "Mein Fleckchen Erde", "Mit dem Kopf durch die Wand", "Haus und Herd", verhelfen dem Betrachter dazu, dem eigenen Beziehungsgehäkel, den eigenen Verstrickungen und Sehnsüchten nachzuspüren, vergleichbares Gegenständliches hineinzuprijezieren
Man findet also ein Echo und das tut gut in Räumen von durchlässigem Schweigen und es überfällt einem eine wohlige Schwerkraft.


Das Heißt, man sieht sich zwar undefinierbaren Ordnungen gegenüber, aber diese regen die assoziative Phantasie durchaus an, vergleichbares Gegenständliches hineinzuprojezieren.
Mit einem Gemisch von Wachs und Ölfarben arbeitet die Künstlerin auf den Papieren. Wachs wird zum Grundieren verwendet und mit einem Schwamm verwischt sie die Farben, so dass die abenteuerlichsten Strukturen entstehen. Zuweilen collagiert sie Seidenpapier mit ein, das sobald es mit der Farblösung in Berührung kommt, Falten schlägt. Ein Aderngeflecht überzieht dann die Bildfläche, an dem sich Farbpigmente ablagern. Mit Wachsstiften spürt sie verborgenen Strukturen nach und schwarze Farbe umschließt in einer linearen Konturenverschlingung vage Figürliches, aber immer so, dass die lebendigen Untergründe durchscheinen.


Susanne Hampe wurde 1967 in Dresden geboren. Sie studierte im Fachbereich Bühnenbild nach ihrem Abendstudium an der Hochschule für Bildende Künste in dieser Stadt. Angeregt durch den konstruktivistischen Maler Prof. Günter Hornig, begann sie zu malen. Er ermutigte sie zu experimentellen maltechnischen Umsetzungen. Nach Beendigung des Grundstudiums entschloss sie sich 1992 zu einem Wechsel an die Hochschule in Berlin-Weißensee. 1995 erhielt sie ihr Diplom als Bühnen- und Kostümbildnerin. Sie arbeitet kurzzeitig am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin, um dann doch ihrem Drang nach künstlerischer Freiheit nachzugeben und sich ein Atelier zu besorgen. Arbeitete sie anfänglich ausschließlich auf Papier, kam 1995 die Malerei hinzu.


Übrigens fanden die Bildwelten von Susanne Hampe während ihres Aufenthaltes in Amerika, in San Diego, großen Anklang und wurden sogar mit Preisen bedacht.