so klein wie die welt und so groß wie allein

Dr. Gabi Marget. Katalogtext. Wassermühle Trittau. 2006

Die faszinierenden Bildwelten dieser Ausstellung geben Einblicke in die künstlerische Produktion der Malerin Susanne Hampe, deren Selbstverständnis sich in einem ausgewogenen Zusammenspiel von Farbe, Fläche, Form und Linie auf der Leinwand, dem Papier oder auf Holz manifestiert. Susanne Hampe thematisiert das Leben, man glaubt Seelenlandschaften in ihren Bildern zu entdecken. Der erste Pinselschlag fällt zumeist aus der Stimmung ihrer inneren Befindlichkeit heraus: Zeichnerische Phantasien suchen nach einem harmonischen Ordnungsgefüge, wir begegnen einem expressiv-malerischen Gestus oder entdecken körperhafte Metamorphosen. In allem geht sie seelischen Zuständen nach, ohne sie im herkömmlichen Sinne abzubilden. Farblodernde Malflächen, Linien und graphische Zeichen steigern sich gegenseitig, so dass die Bildfläche zu einem Resonanzfeld malerischer und linearer Impulse wird. Dabei reicht das Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten von Expressivität bis hin zu einer besonnenen Zurückgenommenheit.

Das großformatigen Tryptichon "König’s Blau" beispielsweise fängt den Blick des Betrachters durch die intensiv leuchtenden Farbfelder und die sichtbare impulsive Kraft des malerischen Prozesses ein: konturierende Pinselspuren, Hell-Dunkel-Kontraste, nachträgliche Verwischungen und unregelmäßige Rinnsale scheinen sich über die Leinwand zu ergießen. Schicht um Schicht beschäftigt sich die Malerin mit Farblagen auf der Leinwand bis sie sich in räumlicher Tiefe durchdringen, durchlichtet wieder aufreißen und gar verschweben, gleich dem pulsierenden Lebensstrom. Die Textur des Farbauftrages besteht häufig aus einem Gemisch von aufgetragenem Wachs und Ölfarbe und scheint greifbar, so dass jegliche Glätte die man auf der planen Malfläche erwarten würde, verloren geht. Zuweilen collagiert sie auch Seidenpapier mit ein, das, sobald es mit der Farblösung in Berührung kommt, Falten schlägt. Ein adriges Geflecht durchzieht dann die Bildfläche, an dem sich Farbpigmente ablagern.
In geheimnisvollen Chiffren entstehen Werke wie "Da will ich hin" und "So groß wie allein": neben sich farblich durchbrechenden Flächen in ockerfarbenen, grauen und weißen Tönen liegen Flächen mit schwarzem pastosen Farbauftrag. Helle Deckschichten scheinen sich über bereits Gemaltes wie Farbschleier zu legen und lassen halbverborgen Knochenfragmente oder Körper durchschimmern oder in den Bildgrund abtauchen. Zarte Linien, Körper, sich oft wiederholende gemalte symbolische Objekte wie Leiter, Sicherheitsnadel oder Gefäße stehen symbolisch für Halt, Sicherheit und Unterstützung oder aber auch für die Umkehrung: sie können fallen und kippen. Auch das menschliche Skelett, mit dem Becken als Ursprungsort und im übertragenen Sinne als Sammelgefäß rückt in Susanne Hampes Malerei immer wieder in den Mittelpunkt der Darstellung. Das komplexe Gefüge ihrer Malerei ist das Ergebnis eines vielschichtigen mentalen Entstehungsprozesses, in der sie immer wieder organisch zellhafte Formen den konkreten Farbflächen gegenüberstellt, die nicht selten von schwarzen Flächen akzentuiert werden. Ein sehr schönes Beispiel ihrer Überlegungen ist das Werk "An alles gedacht?". Bei seiner Betrachtung nehmen wir zunächst eine Unmenge von zellen- oder fruchtartigen Gebilden wahr, die sich um eine schemenhaft dargestellte, linkisch daliegende Gestalt formieren. Die Gestalt scheint sich deshalb zu krümmen, weil diese bläschenartigen Gebilde in vermehrter Form auf sie einwirken. Auch in "Glück vom Fließband" entfalten sich organische Formen von scheinbar fließender Bewegtheit abgegrenzt voneinander im Raum. Die Bildfläche ist erfüllt von einem Kräftespiel zwischen der Fülle von organischen Strukturen einerseits und konkreten Farbflächen andererseits und veranschaulicht somit ein bewusst eingesetztes Verhältnis von Ruhe und Dynamik, von Konzentration und Verströmung der dargestellten Objekte im Bildraum, in den der Betrachter eintaucht.

Bei mehrteiligen Arbeiten wie "Mückenkönig" oder "Das Salz in der Suppe" fügen sich Einzelbilder zu einer malerischen Bildsequenz zusammen. Das Auge erhält eine Bildfolge, eine Erzählung, in der Farbe und Form eine Leserichtung vorgibt. Gleich einem Spannungsbogen vermittelt ein rhythmischer Ablauf von Linien, Körpern und Farbspielen zwischen den Bildern. Dabei erzeugen stumpfe Lasuren oder pulvrige Pigmentierungen optische Tastwerte auf die sinnliche Wahrnehmung, fangen den schnellen Blick und hinterlassen ihren Eindruck. Sie verführen uns dazu, über die Verschränkung von Detail und Gesamtheit zu reflektieren. So klein wie die Welt – so groß wie allein. Der Ausstellungstitel spiegelt die Bildinhalte von Susanne Hampes Kunst wider: Sie resultieren nicht nur aus der uns alle betreffenden sich wandelnden Gesellschaftsstruktur, die aufgrund ihrer drohenden Auflösung, dem Verlust von Traditionen und Bindungen Unsicherheiten und Haltlosigkeit für den Einzelnen birgt. Die Künstlerin thematisiert auch das unbewusste Drängen der Individuen hinein in eine Welt, die sich der Neuordnung durch den modernen Menschen unterwirft. Durch die Dynamik allerdings läuft er Gefahr, sich in einer Welt von Unverbindlichkeiten zu bewegen. Es ist eine unüberschaubare große, eine globale Welt, in der sich der Einzelne letztlich verlieren kann. In der Betitelung ihrer Bilder geht die Künstlerin gerne hintergründig vor, verweist oft auf Parodien banaler Alltäglichkeiten, befragt mit kritischem Geist Lebenssituationen, sucht nach der inneren oftmals verborgenen Wahrheit in einer Welt der Äußerlichkeiten. Dabei tritt das Abbildhafte zurück, in sensibel gesetzten Zeichen und einer reduzierten Formensprache wird schemenhaft angedeutet.

Die poetischen Titel dienen durchaus als Anleitung, das Verborgene in den Bildwelten zu entdecken. Die Bilder liefern keine endgültige Antwort, weshalb sie auch nicht abgeschlossen wirken. Der Betrachter ist angehalten Schicht für Schicht gedanklich freizulegen und die Deutung der Bildinhalte dürfte letztlich jeder für sich selbst klären. Dieser hohe Anspruch erzeugt letztlich die Kraft, mit der Susanne Hampes Malerei auf den Betrachter wirkt.