Bestrickende und gestickte Kunst

Villa Kobe in Halle zeigt aktuelle Positionen


Günter Kowa | Mitteldeutsche Zeitung Halle. 6. 10. 2008

 

Dagmar Szabados hat in ihre Schatulle gegriffen: Die Oberbürgermeisterin von Halle stiftet 500 Euro für einen Preis, den es künftig immer bei der "Großen Kunstausstellung" in der Kunsthalle Villa Kobe geben und der tatsächlich "Preis der Oberbürgermeisterin" heißen soll. Und unter den 35 ausgewählten Teilnehmern der nunmehr siebten jurierten Querschnittsschau bundesdeutschen Schaffens jenseits großer Namen hat sie sich für die Kölnerin Carola Willbrand entschieden.

Frauen aus Fäden

Das mag auch eine Geste von Frau zu Frau gewesen sein. Denn die 56-jährige Willbrand, die für ihre eigenwillige Buchkunst bekannt ist, hantiert mit weiblich kodierten Techniken. Es sind genau genommen Stickereien, auf die man in ihrer Serie "Die alten Frauen von Datca" schaut - bunte Fäden, die "mit der Hand auf türkisches Schulpapier" genäht sind, wie die Künstlerin detailbesessen angibt.

Die Fäden zeichnen die faltigen Gesichter und die geknoteten Kopftücher der greisen Türkinnen nach, die in Form von Collagen mit ihrem eigenen Traditionshandwerk, dem Weben und Spitzenklöppeln in Verbindung gebracht werden.

Es fehlt nicht viel, und die Kölnerin, die mit ihrer Fingerfertigkeit "das Leben einfädeln" will, wie eines ihrer Werke heißt, bekommt auch noch den Publikumspreis. Ob Zufall oder nicht, der Besucher wird einer Arbeit begegnen, die auf den ersten Blick von derselben Künstlerin zu stammen scheint. Doch die Stickereien mit dem Titel "Bewegungen des Zweifels" wurden von einer Dresdnerin, Susanne Hampe, geschaffen. Und vom Naturalistisch-Menschlichen könnte sie kaum weiter entfernt sein. Ein auf die Rippen reduziertes Strichmännchen findet sich an den dünnen roten Faden gebunden, der sich über das Transparentpapier zieht, das wiederum auf einer aufgeschlagenen Buchseite liegt.

Das dicke rote Knäuel zeigt an, wie viel noch zu verweben bleibt um die Figur, die eingekreist, begrenzt und gefangen zu sein scheint. Es steckt eine subtile Phobie in dieser Arbeit, die aus ihrer weiblichen Handwerklichkeit das Anrührende verdrängt hat.

Regelmäßig ist im halleschen Kunstparcours kein anderes Medium so prominent vertreten wie die Fotografie - bis hinein in die Auswirkungen auf Malerei, wie etwa in einer Serie von foto-basierten Ölbildern von Roy-Andres Hofer, benannt "made in china". Umgekehrt findet man auch die Fotografie auf den Pfaden der Malerei, etwa in Carsten Kleins "Stillen Bildern", die man als Strandlandschaften erst gar nicht erkennt. Es fehlt nicht an bestrickenden Experimenten etwa mit Makrofotografie und Lochkamera, aber der Ertrag an ungewöhnlichen Positionen ist nicht so groß, dass das Übergewicht gerechtfertigt wäre.

Linien wie Haarknoten

So schaut man wieder mit Vorliebe jene Funde an, die die Kunst jenseits der Biennalen bieten kann - Celia Amitsis wie zu Haarknoten gebündelte Kugelschreiber-Linienschwünge, zum Beispiel, oder Werner Ewers zum Anfassen verlockende Plastik aus Schiefer und Filz, Bettina Lüdickes in weiblichen Formen schwelgendes Drahtgeflecht und nicht zuletzt Günter Grabes putzige "Deckel Dackel".

 

Philipp-Müller-Straße 65, bis 12. Oktober, Do-So 14-19